Michael Gloss bei Anne Will
Wenn Sprechblasen platzen - Finanzkrisentalk bei Anne Will
Berlin, den 06.10.2008 - Wenn die Riesenblase platzt - platzt im Talkshow-Studio nicht einmal ein Kragen: Zwar überboten sich die Gäste bei Anne Will mit wortreichem Palaver über kriminelle Banker, aber ernsthafte Konsequenzen wollte niemand ziehen - auch nicht der Bundeswirtschaftsminister.
Es ist kein gutes Zeichen, dass auch passionierte Leser des Feuilletons inzwischen zuerst zum Wirtschaftsteil greifen. Galt die gute alte "neue Unübersichtlichkeit", ein Wort des Philosophen Jürgen Habermas aus den achtziger Jahren, noch einer intellektuellen Form postmoderner Desorientierung, so herrscht nun das Chaos ganz handgreiflich und materiell: globale Finanzkrise, Bankencrash und Rezession sind die Stichworte, und fast jeder jongliert mit Begriffen wie "Subprimes", "Leerverkäufe" und "Zertifikate".
Gleichwohl weiß niemand, wie es weiter geht. Allmählich greift Angst um sich, und dass jetzt Angela Merkel uns allen sichere Spareinlagen verspricht, macht es nicht wirklich besser. Wenn man die Augen ein wenig zusammen kneift und den persönlichen Zeitraffer betätigt, kann man sich den dreistündigen Kinofilm von Oliver Stone – "Das Ende des amerikanischen Kapitalismus" – schon vorstellen. In der Hauptrolle als Oberschurke aller New Yorker Investmentbanker unvermeidlich: Michael Douglas; dazu als Tagebuch schreibende Börsennudel mit Schuhtick: Sarah Jessica Parker.
Gestern Abend mussten wir noch mit Anne Will Vorlieb nehmen. Der Titel ihrer ARD-Talkshow war immerhin "Bild"-kompatibel schmissig: "Turbokapitalisten außer Rand und Band. Warum zahlen wir für die Versager?"
Rasch erwies sich allerdings, dass noch einmal all das gesagt wurde, was in den letzten Tagen und Wochen schon oft gesagt wurde – nur eben noch nicht von allen. Ein neuer Konsens scheint sich gebildet zu haben, ein Cantus Firmus des Zorns, eine ungläubige, ohnmächtige Wut auf die Riesenwelle der Geldvernichtung: kollektives Luftablassen nach dem Schock, der in Schüben kam. Michael Glos, Bundeswirtschaftsminister und Mitglied der bayerischen Sponti-Gruppe CSU, beklagte das "verbrecherische Zusammenspiel" von Rating-Agenturen und Investmentbanken und verteidigte dennoch den "Risikoschirm" für die schwer angeschlagene Hypo Real Estate. Das Fehlverhalten von Banken müsse jedoch Folgen haben. Gleich zweimal stellte er fest: "Dies ist die schwierigste Finanzkrise in den letzten 50 Jahren."
Eine Jahrhundertkrise also. Auch Gerd Häusler, Ex-Vorstand der Dresdner Bank und jahrelang Kapitalmarktmanager beim Internationalen Währungsfonds, betrieb harsche Managerschelte. Nüchtern urteilte er: "Das ist eine Krise mit Ansage." Vor allem die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank habe die katastrophale "Schuldenpyramide" geradezu provoziert: "Alan Greenspan war einer der schlechtesten Notenbanker aller Zeiten." Und: "Schlecht geführte Banken" müssten auch den "Marktaustritt" gewärtigen, kurz: die Pleite. Längst schon hätte es auch in Deutschland Entlassungen der Verantwortlichen hageln müssen.
Auch mal eine Bank pleitegehen lassen
"Kriminell" nannte der langjährige SPD-Sozialexperte Rudolf Dreßler das Verhalten von Bankern, die, wie bei der Hypo Real Estate, binnen weniger Tage an immer neuen Stellen gähnende Milliardenlöcher entdecken, für die am Ende der Staat aufkommen soll. Empört wies er auf die großen Gesänge der "Privatisierer" hin, die nun, in der Not, nach der Regierung rufen. Für den Normalbürger seien diese weithin "abstrakten Vorgänge" nicht mehr nachvollziehbar. Die Politik aber habe "die Finanzwirtschaft in den letzten Jahren gedeckt".
Selbst der frühere österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, inzwischen ein Fondsmanager, dem in einer anonymen Strafanzeige Betrug und Untreue vorgeworfen wird, reihte sich in die Fronde der Turbokapitalismus-Kritiker ein und empfahl, auch einmal eine Bank pleitegehen zu lassen, wenn keine unmittelbare Kettenreaktion zu befürchten sei. Falsche Gewinnanreize hätten dazu geführt, dass Investmentbanker in vier Jahren mehr Geld verdient hätten als sonst in ihrem ganzen Leben. Im Übrigen habe "die Bankenaufsicht bemerkenswert geschlafen". Im Grundsatz müsse gelten: "Zuerst muss der Finanzsektor selber geradestehen für das, was passiert ist", und die Verantwortlichen müssten persönlich zur Rechenschaft gezogen werden.
Schön gesagt, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Weltweit rücken die staatlichen Feuerwehren aus und versuchen zu retten, was zu retten ist. Selbst eben noch als "neoliberal" geltende Regierungen sind dabei, Banken ganz oder teilweise zu verstaatlichen, letztlich auf Kosten der Steuerzahler.
Mantra der Deregulierung der Märkte
Sven Giegold, Mitbegründer von Attac und Neumitglied der Grünen, wies mehrfach auf diesen Punkt hin: An dieser "Krise des globalisierten Kapitalismus" sei auch jene Politik schuld, die seit Jahren die Freiheit und Deregulierung der Märkte zu ihrem Mantra erhoben habe. Was eben noch bestritten worden sei, werde nun hektisch praktiziert und plötzlich von allen gefordert: mehr Bankenaufsicht, mehr Transparenz, strengere Regeln für die internationalen Finanztransaktionen.
Wirtschaftsminister Glos schloss sich an: "Ich wundere mich über all die Bankprüfer, über die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht; Anm. d. Red.) und auch die Bundesbank." Dort hat offenbar niemand jene "Riesenblase" kommen sehen, vor der viele Experten schon lange gewarnt haben. Zwei-, ja dreistellige Milliardenrisiken blieben unentdeckt. Auf die Frage Giegolds, warum Glos dann nicht selbst die notwendigen Kontrollmechanismen per Gesetz verstärkt habe, wich der müde Minister, gerade aus Hongkong zurück, lieber aus: Es gehe wie immer um das richtige Maß zwischen Freiheit und Regulierung.
An dieser strategischen Nahtstelle zwischen der Freiheit des Marktes und der Notwendigkeit einer ordnenden Hand, die die Diskussion der nächsten Monate bestimmen wird, hätte die Runde in die Tiefe gehen müssen - leider Fehlanzeige. Stattdessen schritt Anne Will zum weißen Betroffenensofa, auf dem ein Opfer der Lehman Brothers saß. 22.000 Euro hat der Mann verloren, der seinem Berater von der Citibank vertraute. Eine schlimme Sache, aber man hätte sich gewünscht, dass auch einmal ein aktiver Top-Banker den Mut besessen hätte, sich der Öffentlichkeit und ihren Fragen zu stellen. Nicht zuletzt der sachlichen Aufklärung wegen. Allein, die "Drückeberger", wie sie Rainer Hank in der FAZ nannte, verhalten sich so feige wie ertappte Sünder und schicken andere vor.
Enteignungen, Verstaatlichungen, Planwirtschaft
Kritik an der fiskalischen "Leichtfertigkeit" der Amerikaner fällt da leichter, und was soll ein Ex-Banker auf die pseudoprovokative Frage von Anne Will – "Wie peinlich ist Ihnen Herr Ackermann gelegentlich?" – schon sagen? Den vom Deutsche-Bank-Chef vorgeschlagenen europäischen Rettungsplan lehne er jedenfalls ab, bekannte Gerd Häusler.
Anne Wills Frage, ob der Kapitalismus nun am Ende sei, blieb unbeantwortet. Wir vermuten mal: Es wird schon weitergehen mit ihm. Jedenfalls schlug niemand in der Runde flächendeckende Enteignungen, Verstaatlichungen und die Einführung einer weltweiten Planwirtschaft vor. So blieb es bei Appellen in dieser "traurigen Stunde für die Marktwirtschaft" (Ex-Banker Häusler). "Eine neue Kultur" im Finanzsektor forderte Karl-Heinz Grasser, und Rudolf Dreßler verlangte eine "mentale" wie "moralische" Korrektur. Ein erster Schritt, so der SPD-Politiker außer Diensten, wäre schon mal die Abschaffung des täglichen Börsenfernsehens in der ARD kurz vor der Tagesschau.
Da war sie wieder, die Austreibung der Wirklichkeit durch die Zerschlagung ihres Spiegelbildes. Ein schöner Gedanke.
Quelle: www.spiegel.de


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