Mittelständler bevorzugt
Die Finanzkrise trifft vor allem Konzerne: Sie kommen kaum mehr an neue Darlehen. Die Banken streuen ihr Risiko und vergeben Kredite lieber an kleinere Unternehmen.Die Beschwerden werden vernehmlicher, doch es sind nicht die üblichen Verdächtigen, die dieses Mal den erschwerten Zugang zu Krediten bemängeln. "Im vergangenen Abschwung hat der Mittelstand am lautesten geklagt, jetzt trifft es eher die Großen", sagt Klaus Abberger vom Münchener Ifo-Institut. Wer 50 Mio. Euro Umsatz oder mehr erwirtschafte, stoße derzeit "zunehmend auf Schwierigkeiten" konstatierten die Münchener Konjunkturforscher bei der Vorstellungen ihrer Erhebungen vom November.
Gut 40 Prozent der vom Ifo-Institut befragten Großunternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe bezeichneten die Praxis bei der Kreditvergabe als restriktiv - im Sommer 2008 waren es kaum mehr als acht Prozent. "Wir sehen eine Kreditklemme nicht als gegeben an, beobachten aber, dass sich die Finanzierungsbedingungen sowohl für sehr kleine als auch für große Unternehmen verschärft haben", beschreibt KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch die Lage.
Anteil der Unternehmen, die angaben, die Kreditvergabe se restriktiv
Mittelständler profitieren von ihren oftmals langjährigen Beziehungen zu Genossenschaftsbanken und Sparkassen, die rund 70 Prozent der Kredite an kleine und mittelgroße Unternehmen vergeben. Sie stehen dank ihrer hohen Einlagen aus dem Privatkundengeschäft vergleichsweise besser da als die Geschäftsbanken. Doch auch dort treffen Kreditanfragen aus mittelgroßen Betrieben eher auf offene Ohren als die Finanzierungswünsche von Konzernen. "Statt ein Klumpenrisiko einzugehen, können die Banken ihre Kredite im Mittelstand besser streuen", sagt Josef Trischler vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau.
Zudem schränken die anhaltend schwierigen Refinanzierungsbedingungen die Spielräume der Geschäftsbanken ein: Konnten sie große Kredite vor der Krise problemlos am Markt weiterreichen und so ihre Bilanzen schonen, ist dies derzeit aufgrund der Schockstarre an den Verbriefungsmärkten nicht möglich. Auf die Bücher nehmen wollen sie große Darlehen aber auch nicht - denn sie sind dabei, Risikopositionen abzubauen und ihre aufgeblähten Bilanzsummen zu verkürzen. "Es liegt nahe, dass Banken, die in ihrer Eigenkapitalbasis restringiert sind, bei großvolumigen Krediten restriktiver sind, da diese mehr Eigenkapital binden", sagt Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter.
Zwar steht den Konzernen anders als Mittelständlern der direkte Weg zum Anleihemarkt offen, um sich frisches Fremdkapital zu beschaffen. Doch die derzeit drastischen Zinsaufschläge schrecken ab: Das Volumen der Neuemissionen von Unternehmensanleihen, die Ratingagenturen als sicher einstufen, brach in diesem Jahr um ein Drittel ein, bei als spekulativ klassifizierten Anleihen waren es gar zwei Drittel. Schließlich sind Liquiditätslücken etwa nach unerwarteten Nachfrageeinbrüchen auf diese Weise kurzfristig nicht zu stopfen, denn bis eine Schuldverschreibung am Markt platziert ist, vergehen in der Regel sechs Monate.
Entspannung ist vorerst nicht in Sicht: Nach Berechnungen der FTD laufen alleine bei den 23 Dax-Unternehmen, die keine Banken oder Versicherungen sind, nächstes Jahr Anleihen im Volumen von rund 34 Mrd. Euro aus. Davon entfallen alleine rund 19 Mrd. Euro auf Autohersteller. "Angesichts der konjunkturellen Lage dürfte der tatsächliche Refinanzierungsbedarf aber deutlich über dem Volumen der auslaufenden Anleihen liegen", sagte der Zinsanalyst einer US-Investmentbank. Schließlich deuteten die konjunkturellen Frühindikatoren derzeit eher auf einen Einbruch des Cashflows der Unternehmen sowie auf eine Kappung neuer Kreditlinien hin. Der Finanzierungsbedarf dagegen bleibt: 2010 laufen weitere Anleihen über rund 31 Mrd. Euro aus.
Quelle: www.ftd.de


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