Bahnbörsengang gestoppt
Berlin, den 09.10.2008 - Die Bahn stoppt wegen der Finanzkrise den für den 27. Oktober geplanten Börsengang. Es solle ein besseres Kapitalumfeld abgewartet werden, lautet die Begründung von Finanzminister Peer Steinbrück und Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.
Der Börsengang an sich stehe aber nicht in Frage. Für die deutsche Presse aber schon.
"Angesichts der trudelnden Finanzwelt mag es folgerichtig gewesen sein, die Reißleine zu ziehen." Die "Süddeutsche Zeitung" aus München bewertet den Schritt aber trotzdem als übereilt. "Wie viel für das Unternehmen auf die Waage gekommen wäre, bleibt nun im Ungewissen. Ebenso freilich, wer dafür geboten hätte. Das nämlich hatte die Bahn bis zuletzt für sich behalten." Wenn am Ende Scheichs, die russische Staatsbahn und chinesische Staatsfonds die einzigen Interessenten gewesen wären, hätte das auch politisch das Privatisierungs-Aus bedeuten können. "Eines aber mag beruhigen: Nichts zwingt zum Verkauf der Bahn. So weit, wenigstens, ist es noch nicht gekommen."
Die "Märkische Allgemeine" aus Potsdam sorgt sich um den mit dem Börsengang verschobenen Ausbau der Infrastruktur. "Wenn der Börsengang der Bahn überhaupt einen Sinn hat, dann doch wohl den, möglichst viel Geld einzunehmen, um damit den dringend notwendigen Ausbau der Schienenwege zu finanzieren. Mit dem unter den jetzigen Bedingungen erzielbaren Erlös von vielleicht vier Milliarden Euro hätte sich die Bundesregierung mit Recht vorwerfen lassen müssen, Volksvermögen zu verschleudern." Ob sich das Projekt 2009 realisieren lasse, sei nicht nur wegen der anstehenden Bundestagswahl zu bezweifeln. Deshalb müssten Finanzminister Peer Steinbrück und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee jetzt Farbe bekennen, "wie viel ihnen eine funktionierende Bahn wert ist".
"Der Zwangshalt der Bahn auf dem Weg zur Börse ist allein dem hohen Risiko geschuldet, wegen der Finanzkrise mickrigen Erlös statt pralle Kasse zu machen", meint die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" aus Kassel. "Nichts anderes. Schon gar nicht ein vielleicht noch vorhandener Restzweifel an der Richtigkeit des Teilverkaufs. Privatisierungsgegner haben also keinen Grund zum Jubeln." Aufgeschoben sei eben nicht aufgehoben. "Bis zu neun Milliarden Euro durch die Privatisierung einnehmen zu wollen, war schon vor der Finanzkrise illusorisch." Der Bund könne bereits froh sein, wenn er die Hälfte davon bekäme. Weniger dürfe es nun wirklich nicht werden.
Die Finanzkrise und der nun verschobene Börsengang der Deutschen Bahn bergen für die "Frankfurter Rundschau" eine Chance zur "Rückbesinnung auf die banale Frage: Was verlangt die Gesellschaft eigentlich von der Bahn? Und nicht: Wie scheffle ich den größten Gewinn?" Auf diese Frage habe die Politik keine Antwort, die meisten Politiker hätten sie sich nicht einmal gestellt. "Sie haben den Bahnmanager einfach machen und sich von schönen Bilanzen einlullen lassen."
Auch die "Rhein-Neckar-Zeitung" aus Heidelberg sieht viele gute Gründe, die gegen eine Teilprivatisierung der Bahn sprechen. "Dass es aber letzten Endes der Kapitalismus selbst ist, der den Verkauf der Bundesanteile an der Börse verhindert, damit hätte noch vor wenigen Tagen wohl niemand gerechnet." Der Vorgang jedenfalls könne als weiterer Beleg dafür gewertet werden, wie gefährlich es für eine Volkswirtschaft werden kann, wenn ihre Finanzjongleure sich aufführen wie in einem Spielcasino: "Volles Risiko, null Absicherung. Die Spielsüchtigen sind jedoch dieselben Leute, denen der Bund nun leicht verspätet das Transportmittel Deutsche Bahn zum Kauf anbieten wird. Keine guten Aussichten."
Quelle: www.n-tv.de
Bildmaterial: dpa


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